Bedrohte Minderheiten im Orient, Zarathustras letzte Anhänger
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Zarathustrierverfolgung

 

Als Zarathustrierverfolgung bezeichnet man eine systematische, gesellschaftliche und/oder staatliche Benachteiligung und existentielle Bedrohung von Menschen zoroastrischen Glaubens in Iran. Die bis zur islamischen Expansion im 7. Jahrhundert vorherrschende Religion des Iran hat heute, nach Jahrhunderten der Unterdrückung und Auswanderung, noch etwa 30.000 Gläubige, die in der Provinz Yazd, der Stadt Kerman und Teheran ansässig sind.
Die Zarathustrierunterdrückung begann nach der arabischen Eroberung des Sassanidenreichs im heutigen Iran im 7. Jahrhundert und dem Übergang der dortigen Staatsreligion vom Zoroastrismus zum Islam. Die arabische Eroberung erstreckte sich über mehrere Jahrzehnte. Hormazdyar Mirza schreibt:

„Die arabischen und muslimischen Eroberer und ihre Administratoren verfolgten die nicht-muslimischen und auch die nicht-arabischen muslimischen Untertanen grausam mit der ganzen Kraft ihrer Raserei und Gewalt; sie entzogen der unglücklichen Bevölkerung das Lebensnotwendigste und erpressten von ihr aus eigennützigen Motiven Geld zur persönlichen Bereicherung. Von einigen Oasenflecken abgesehen gab es für die unterworfenen Völker weder Gesetz noch Ordnung und Gerechtigkeit. Man kann sich die Lebensumstände der armen, hilflosen Zarathustrier, die mit zäher Entschlossenheit an ihrem alten Glauben festhielten und sich hartnäckig weigerten, den Islam anzunehmen, während dieser ganzen Jahrhunderte gut vorstellen.“

Die Konfiszierung des Eigentums von Feuertempeln im Gebiet des heutigen Bahrain und Irak mag neben religiösen auch wirtschaftliche Gründe gehabt haben. Die breite Masse der Iraner weigerte sich zunächst, zum Islam zu konvertieren. Das Konversionsinteresse der Eroberer scheint auch rasch nachgelassen zu haben, da die Nicht-Muslime die Kopfsteuer zahlen mussten, an deren Eintreibung den islamischen Gouverneuren schon aus persönlichen Gründen gelegen war. So wird von einer Gruppe von Zarathustriern aus Chorasan berichtet, die angeblich durch einen Wanderprediger zum Islam bekehrt worden waren, dann aber verhaftet und hingerichtet wurde, nachdem beim Gouverneur eine Beschwerde eingegangen war, dass die Konvertiten lediglich deshalb Muslime geworden seien, um Steuern zu sparen.

Da der Koran keine Informationen über die rechtliche Stellung der Zarathustrier als Schriftbesitzer enthält, war zunächst unklar, wie sie steuerlich einzuordnen waren. In der Zeit der Abbasiden erhielten die Zarathustrier einen Zwischenstatus zwischen den ‚Heiden und Götzenverehrern‘ und den Schriftbesitzern. Sie mussten die Kopfsteuer bezahlen. Den Muslimen war es aber nicht erlaubt, eine Zarathustrierin zu heiraten, wohingegen keine Ehehindernisse gegen jüdische oder christliche Frauen bestanden. Die Zarathustrier erhielten erst dann den Dhimma-Status der Schutzbefohlenen wie die Christen und Juden, nachdem man Zarathustra mit Abraham in Verbindung gebracht wurde, was die zarathstrische Religion zu einer Abrahamitischen Religion machte, die in den Augen der Muslime eine gewisse Legitimität besaß.

Die systematische Benachteiligung und Vertreibung der Zoroastrier begann nach dem Auftreten der Bujiden um das Jahr 936. Mit der Islamisierung der Städte wurden die Zarathustrier in eigene Stadtviertel abgedrängt. Die zarathustrischen Feuertempel wurden zerstört, an ihrer Stelle Moscheen errichtet. Gewaltsame Konflikte zwischen Muslimen und Zarathustriern wurden aus Qom, Kazerun, Schiraz und Buchara berichtet, wobei es in Buchara zu regelrechten Straßenschlachten zwischen Zarathustriern und Muslimen gekommen sein muss. So bewarfen Zarathustrier Muslime mit Steinen, die auf dem Weg zur Moschee waren, was diese wiederum mit „Gegenangriffen“ beantworten.
Schrittweise wurden Gesetze eingeführt, die die gesellschaftlichen und politischen Rechte der Zarathustrier einschränkten und ihre Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe beschnitten. Muslimische Frauen durften nur Muslime heiraten, während muslimische Männer auch Töchter aus zarathustrischen Familien zur Frau nehmen konnten. Kinder aus diesen Mischehen waren automatisch Muslime. Öffentliche religiöse Veranstaltungen, die Muslime stören konnten, waren verboten. Der Bau nicht-islamischer Sakralgebäude wurde untersagt. Nicht-Muslimen wurde das Reiten auf Esel und Pferd zunächst mit einem Sattel und später vollständig untersagt. Nicht-muslimische Händler bezahlten höhere Einfuhrzölle und höhere Steuern als ihre muslimischen Konkurrenten. Zeugenaussagen von Zarathustriern zählten nur die Hälfte, bei Blutgeldregelungen erhielten Zarathustrier ein Fünftel des Betrages, den Muslime erhielten.

Emigration nach Indien
Eine Gruppe von Zarathustrier emigrierte im 9./10. Jahrhundert von Iran nach Indien, um der weiteren Verfolgung zu entgehen. Dort nannte man die Migranten Parsen (d. h.: Perser). Erste Ansiedlungen sind im Gebiet Gujarat in Sanjan erfolgt. Asyl wurde gewährt, weil sie versprachen, nicht zu missionieren, sondern die Gesellschaft mit ihrem Wissen und Geschick anzureichern. Laut Volkszählung lebten im Jahre 2001 in Indien, vor allem in Mumbai, 69.601 Parsen.
Die Migration nach Sanjan wurde in einem eigenen Gründungsmythos der zarathustrischen Gemeinde in Indien, der Geschichte von Sanjan, festgehalten. Um ihre Religion bewahren zu können, hätten zarathustrische Priester und Gläubige Haus und Besitz aufgegeben und sind nach Kuhestan (heute: Süd-Chorasan) gezogen. Dort hätten sie sich für einen Zeitraum von 100 Jahren versteckt gehalten. Danach seien sie zur Zeit der Abbasiden über Hormuz zu Schiff nach Indien begeben, sich mit Zustimmung des dortigen Herrschers, Jādi Rāna, niedergelassen und ein neues Feuerheiligtum, das Atasch Bahrām-Heiligtum, geweiht. Die Gründung dieses zentralen Feuerheiligtums (Irānshah) markiert die Konstituierung der indischen Zarathustriergemeinde.

Restriktion und Emanzipation in Iran
Die in Iran verbleibenden Zarathustrier kehrten zwischen dem 10−13. Jahrhundert vom Zurvanismus zum Mazdaismus zurück, der in den Gathas beschrieben, direkt auf Zarathustra selbst zurückgeht. Der Mazdaismus blieb in Iran die einzige überlebende Form des Zoroastrismus. Viele iranische Feste bergen das zarathustrische Erbe in sich und werden noch heute im schiitischen Iran, teilweise in synkretischer Form, gefeiert. Das bedeutendste dieser Feste ist das Frühlingsfest Nouruz. „Anders als bei den Parsen ist die Erinnerung an die Diskriminierung seitens der muslimischen Bevölkerung ein zentraler Bestandteil der kulturellen Identität der iranischen Zarathustrier.“

Kadscharen (1796 – 1925)
Unter den Kadscharen-Schahs waren die Zarathustrier massiver Repression ausgesetzt. Eines der effizientesten Mittel der sozialen Repression war das Eintreiben der Kopfsteuer. Die Steuer wurde meist willkürlich und in unregelmäßiger Frequenz eingezogen. Da mehrere Zwischenglieder an der Steuer mit verdienen wollten, fiel der Endbetrag meist höher aus als die festgesetzte Summe. Eine Petition an Nāser ad-Dīn Schāh führte 1882 zur steuerlichen Gleichstellung und formellen Abschaffung der Kopfsteuer. Im Jahr 1898 erließ Muzaffar ad-Din Schah ein Dekret, das alle Benachteiligungen offiziell aufhob. Napier Malcolm beschreibt allerdings in seinem Buch über Iran, dass das Dekret völlig wirkungslos sei. So mussten die Zarathustrier weiter höhere Gebühren im Basar entrichten. Auf Muslime, die bei Zarathustriern einkauften wurde Druck ausgeübt, die Geschäfte der ‚Unreinen‘ in Zukunft zu meiden. An Zarathustrier wurde grundsätzlich kein Mehl verkauft. Geld, das Zarathustrier Muslimen geliehen hatten, wurde in nicht wenigen Fällen nicht zurückbezahlt.
Die Kontakte zwischen den nach Indien ausgewanderten Zarathustriern und den in Iran zurückgebliebene Heimatgemeinden waren nie abgerissen. Da die wirtschaftliche Not der iranischen Zarathustrier ständig zunahm, leisteten die zu Wohlstand gekommen indischen Parsen den Heimatgemeinden finanzielle Hilfe. Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Idee auf, die im Iran verblieben Zarathustrier vollständig nach Bombay umzusiedeln, statt sie weiter unter „einem tyrannischen Regime zu belassen.“ Manekij berichtete im Jahr 1865, dass die Ernährung der Zarathustrier sehr eingeschränkt sei, und dass Reis, Fleisch und Gemüse nur selten auf den Tisch kämen.

Konstitutionelle Revolution (1906 – 1911)
Die Konstitutionelle Revolution im Iran wurde von Zarathustriern durch Geldspenden und Waffenschmuggel unterstützt. Die Auseinandersetzung um die Ausgestaltung der am 30. Dezember 1906 verabschiedeten Verfassung berührte auch die Frage der politischen Gleichstellung der religiösen Minderheiten. Das aktive und passive Wahlrecht war zunächst nur Muslimen zugestanden worden. Keikhosrow Shahrokh berichtet in seinen Erinnerungen, dass die muslimische Geistlichkeit mehrheitlich die Auffassung vertrat, dass nur Muslime im Parlament vertreten sein sollten, und dass Andersgläubige durch muslimische Geistliche mit vertreten würden. Dschamschid Bahman Dschamschidian (auch Arbab Dschamschid), der erste zarathustrische Abgeordnete im neu gewählten iranischen Parlament, soll Seyyed Abdullah Behbahani, einen der Wortführer der Konstitutionalisten aus der Gruppe der Geistlichkeit, bestochen haben, dass er sich öffentlich für die Rechte der Zarathustrier einsetzte. Dschamschidian konnte erreichen, dass die Zarathustrier eine Abgeordnetensitz zugesprochen bekamen, dessen Vertreter sie in einer eigenen Wahl bestimmen konnten. Die Juden und Christen, die ihren Anspruch auf eine eigene Vertretung im Parlament zunächst nicht verfolgt hatten, erhielten erst ab der zweiten Legislaturperiode einen Angeordneten.
An der Unterdrückung der Zarathustrier sollten die Einführung einer Verfassung und eines Parlaments zunächst nichts ändern. In einem Bericht des britischen Vizekonsuls in Yazd an den britischen Botschafter im Iran werden mehrere Formen der Diskriminierung aufgelistet:
• falsche Zeugenaussagen von Muslimen gegen Zarathustrier zu Gunsten von Mitgläubigen gelten als ehrenhaft unter Muslimen.
• Urteile ergehen grundsätzlich gegen Zarathustrier, wenn Muslime die Beklagten sind.
• Während ein Muslim straf frei ausgeht, wenn er einen Zarathustrier verprügelt, muss der Zarathustrier im umgekehrten Fall mit einem Aufstand gegen die gesamte Glaubensgemeinschaft rechnen.
• Leisten Zarathustrier Widerstand gegen Diskriminierung, müssen sie mit ihrer Ermordung rechnen.
• Ein Mord an einem Zarathustrier durch einen Muslim wird mit der Zahlung von Blutgeld gesühnt; eine weitere Strafe ist nicht vorgesehen. Ermordet ein Zarathustrier einen Muslim, wird er zum Tode verurteilt.
Obwohl in der iranischen Verfassung nach Artikel 8 für alle Einwohner des iranischen Reiches die gleichen Rechte gelten und in Artikel 9 allen Personen der Schutz des Lebens, Eigentums und ihrer Ehre zugestanden wird, sah die juristische Praxis anders aus. Keikhosrow Shahrokh, der als zarathustrischer Abgeordneter Dschamschid Bahman Dschamschidian nachfolgte und für mehrere Legislaturperioden die Interessen der Zarathustrier im Parlament vertrat, setzte sich vehement für eine aktive Gleichstellungspolitik ein. Ab 1921 arbeitet er eng mit Reza Khan, dem späteren Reza Schah Pahlavi, zusammen. Reza Khan hatte sich in seiner Zeit als Kriegsminister für die Zarathustrier in Yazd eingesetzt. Reza Khan hatte auf Anfrage von Keikhosrow Shahrokh angeordnet, dass es Zarathustriern gestattet sei, auf Eseln und Pferden zu reiten, was den Zarathustriern von der muslimischen Geistlichkeit nicht gestattet wurde. Der Armeekommandant von Yazd wurde angewiesen, gegen Zuwiderhandlungen vorzugehen, da alle Iraner dieselben Rechte hätten.

Pahlavis (1926–1979)
Unter der Regierung der Pahlavis setzte sich eine tolerantere Haltung in Iran durch. Einer der ersten bekannten Zarathustrier, der auf politische Ebene aktiv gegen die Diskriminierung kämpfte, war Keikhosrow Shahrokh. Er umging zunächst bei Kindern durch die Einführung einer Schuluniform in der zoroastrischen Schule in Kerman die für Zarathustrier geltenden Kleidungsregeln. Die diskriminierende Kleidungsordnung für Erwachsene wurde 1926 unter Reza Schah abgeschafft.
Im Jahr 1927 wurde ein Gesetz erlassen, das weltlichen Gerichten die Urteilskompetenz über Straftaten zubilligte, und 1931 wurden die Artikel der Strafprozessordnung aufgehoben, die sich auf die Gerichtsbarkeit islamischer Rechtsgelehrten bezogen. Ab diesem Zeitpunkt waren die islamischen Rechtsgelehrten in der Rechtsprechung vollständig durch staatliche Gerichte verdrängt worden, was zu einem Ende der rechtlichen Diskriminierung der Zarathustrier führte. 1933 wurde ein Gesetz verabschiedet, das den Zarathustriern die Möglichkeit der Ausgestaltung eines eigenen Familien- und Erbrechts einräumte. Ab diesem Zeitpunkt war es auch untersagt, die Zarathustrier als ‚unrein‘ (najes) zu bezeichnen und ihnen beim Einkauf das Berühren von Obst oder Gemüse sowie von Wasser zu verbieten.
Die iranischen Zarathustrier waren unter den eindeutigen Gewinnern der Pahlavi-Schahs. Der Diskriminierungsdruck ließ spürbar nach. Zarathustrier stiegen in hohe Positionen staatlicher Instituten und des Militärs auf. Farhad Mehr stieg bis zu Irans Repräsentanten bei der OPEC, Vorstandsvorsitzender der staatlichen Versicherungsgesellschaft und Kanzler der Universität Schiraz auf. Nach Schätzungen aus dem Jahr 1978 waren die Zarathustrier die wohlhabendste religiöse Gruppe Irans.

Islamische Republik Iran (1979 – heute)
Seit der Islamischen Revolution durch Ajatollah Chomeini im Jahr 1979 nimmt die soziale und berufliche Diskriminierung der Zarathustrier zu. Nach der Verfassung der Islamischen Republik Iran steht den Zarathustriern teilweise die gesellschaftliche Anerkennung, politische Integration und Zuerkennung religiöser Rechte zu. Sie haben eine eigene Rechtsprechung im Familien-, Ehe-, Scheidungs- und Adoptionsrecht. Sie dürfen ihre Religion ausüben, solange sie nicht missionieren und gegen die islamische Gesellschaftsordnung verstoßen. Es gibt heute keine religiöse Verfolgung oder gewaltsam erzwungene Konversion. Der zoroastrische Glaube darf nur im Privaten gelebt werden, religiöse Feiertage dürfen nur nach vorheriger Anmeldung und Durchsicht der Ansprachen begangen werden.
Die politische, sozialen und kulturellen Veränderungen nach der islamischen Revolution betrafen vor allem zarathustrische Akademiker und Militärs, die aus ihren Stellungen gedrängt wurden. Höhere militärische Ränge sind den Zarathustriern verschlossen, ebenso wie Anstellungen in Schulen, Behörden oder anderen Einrichtungen des öffentlichen Sektors. 1998 forderte Farhang Mehr, zur Zeit der Regentschaft von Schah Mohammad Reza Pahlavi stellvertretender Premierminister und Kanzler der Universität Schiraz, den damaligen Präsidenten Mohammad Chātami auf, die Politik der Diskriminierung zu beenden, was allerdings zu keinen Veränderungen führte.
Das nach der Islamischen Revolution an der Scharia ausgerichtete, neu gefasste Strafrecht gilt auch für Nichtmuslime, die allerdings in mancher Hinsicht eine Sonderstellung einnehmen. So ist der Geschlechtsverkehr einer Muslimin mit einem Andersgläubigen strafrechtlich mit Inzest und Vergewaltigung gleichgestellt. Auch die Rückkehr zur traditionellen Erbfolgeregelung bevorzugt Muslime. Konvertiert ein Mitglied einer zoroastrischen Familie zum Islam, erbt er das gesamte nachgelassene Vermögen; seine Geschwister erben als Ungläubige nichts.

Literatur
• John R. Hinnells: Zoroastrians in Britain: the Ratanbai Katrak lectures. University of Oxford, Oxford 1985, S. 3/4 Online bei google.books
• Christopher Partridge: Das große Handbuch der Weltreligionen, S. 246/47 Online bei Google Books
• Michael Stausberg: Die Religion Zarathustras. Band 2. Kohlhammer 2002.

QUELLE: Wikipedia

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