Geschichte & Religion

Platon enträtselt


Der größte intellektuelle Vertreter der Antike Platon, gilt bis heute als Ursprung des abendländischen Althumanismus und Begründer der Existenzphilosophie. Als Meister des Dialogs entlarvte er mit der sokratischen Mäeutik Dummschwätzer, Demagogen und Politiker. In diesem Beitrag soll die Frage erörtert werden inwieweit Platon sich von der Denkschule Zarathustras und der iranischen Philosophie hat beeinflussen lassen.


Von Rums Götterschwert

Zusammen mit seinem Schüler Aristoteles hat er durch seine Schriften großen Einfluss auf die post-alexandrischen Philosophenschulen ausgeübt, besonders auf die Stoa unter Zenon. Später in der Renaissance versuchten christliche Gelehrte wie Thomas von Aquin Platon christlich umzuinterpretieren und stuften ihn als „Vorchristen“ ein, d.h. jemand, der Ahnung von einem (einzigen) Gott hatte, aber noch unter der Mentalität des Heidentums litt. In der Tat besaß Platons größtes Werk die „Politeia“ (der Staat) viele Ideen und Elemente, die später im Christentum präsent sind und viele Gelehrten vermuten eine Verbindung zwischen Platon und dem Christentum. Doch was wenn man die Hypothese aufstellt, dass Platon keineswegs „christlich“ gedacht hätte? Was,wenn er ein bestimmtes Fundament besaß, was einem Griechen auf Grund des ausländerfeindlichen Zentralismus nur so selten zugänglich war? Vermutungen von Seiten der zoroastrischen Gelehrten wurden einige Male aufgestellt, dass Zarathustra neben Sokrates als ein großer Lehrer für Platon galt,aber sie haben es niemals genauer ausgearbeitet¹. Dieser Essay gilt als eine Auseinandersetzung von Platons Politeia mit der Gatha Zarathustras plus der avestischen Mythologie und den vielen Paralellen beider Schriften mit der Aussicht zu schlussfolgern, in wie weit die persische Religion den europäischen Humanismus geprägt hat.

Platon und die Perser

Der heutige Wissenstand über Platons Leben stammt größtenteils von späteren griechischen Biographen, wie dem Philosophen Plutarch des 1. Jh. n. Chr. sowie dem Philosophiehistoriker Diogenes Laertius des 3. Jh. n. Chr. Auch sind einige Briefe erhalten geblieben, die angeblich von Platon selbst an einem gewissen Dion geschrieben wurden. Ihre Authenzität bleibt heute noch umstritten. Vor allem der siebte Brief drückt Platons Eigenerfahrungen mit der schnell korrumpierten athenischen Demokratie sowie die darauf folgende Schreckensherschaft der „Dreißig“ aus.

Bei genauerer Betrachtung der Biographie Platons muss man aber schnell feststellen, dass es fast keinen Vermerk über Beziehungen zu den Persern oder zum persischen Reich gibt. Platon schrieb in seinen Briefen nur über die Politik in Athen sowie seine Beziehung mit Syrakus und seinen gescheiterten politischen Bestrebungen, den dortigen Tyrannen Dionysos II zu einem Philosophen auszubilden. Bei den vielen geschriebenen Dialogen trat er selbst fast nie auf und gab nie eigene Bemerkungen über sein Leben ab. Nur ein bis zwei Stellen der späteren Historiker und einige Vermerke in den Dialogen deuten eine Verbindung zur persischen Kultur an, aber sie wurden wahrscheinlich von den Biographen anders gewertet.
Wie Sparta war Athen auf Grund des peloponesischen Krieges von den Persern finanziell abhängig. Deshalb kam es nach dem ,,Kalliasfrieden“ zu mehreren Besuchen von persischen Gesandten in Athen, sowie umgekehrt athenische Gesandten in Persepolis. Der Komiker Aristophannes äußerte sich in seinem Werk „die Archarner“ zynisch über Machenschaften von korrupten athenischen Politikern und Besuche von einem persischen Gesandten, dessen Kopf ein einziges Auge ist (eine Anspielung auf das „Auge des Dareios“)². Jedoch galten diese Beziehungen von Seiten Persiens als große Geste diplomatischer Beziehungen, in der auch Platons Familie involviert war.
Denn Platons demokratisch gesinnter Großvater Pyrilampes galt als wichtige Figur in der athenischen Außenpolitik und hatte als Botschafter Athens in Persien Kontakt zu den Persern. Wichtig an dieser Stelle ist dass und wie Platon durch seinen Großvater in Kontakt mit der iranischen Gedankenwelt kam. Tatsächlich wurde von Platon in den Dialogen kurz angegeben, dass Pyrilampes mehr über die persische (Hof-)Kultur erfahren hatte als es einem Griechen zugänglich gewesen wäre. Im Alkibiades I. Dialog (dessen Authentizität jedoch umstritten bleibt) beschreibt Platon detailliert die recht strenge Erziehung eines persischen Prinzen während seiner Jugend, die den antiken Stereotypen des weibischen Persers widersprach. Auch ist darin klar und deutlich vermerkt, dass jeder königliche Zögling von den zoroastrischen Priestern unterrichtet wurde, “ (…) wovon der eine ihn die geheime Weisheit des Zoroasters, Sohn des Oromazes, lehrt, welches die Verehrung der Götter ist“. Dass diese Information von seinem Großvater stammt, wird indirekt wenig später erwähnt: „(…)So habe ich einmal von einem glaubwürdigen Manne, einem von denen die zum Könige hinauf gereist waren, gehört(…)“⁵.
Nach Sokrates Tod 399 v. Chr. wird auch in verschieden Quellen von Platons großer Bildungsreise geschrieben, die von Megara (zu Besuch bei Euklid), bis hin nach Unteritalien (zu Besuch bei den Pythagoräern), sowie auch angedeutet bis nach Ägypten führten⁶. Neben der Entdeckung Ägyptens, lernte Platon sehr wahrscheinlich die Perser und ihre Gesetze persönlich kennen. Ägypten war eine persisch besetzte Zone, aber die Ägypter besaßen Grundrechte wie Religionsfreiheit und konnten ihren Traditionen frei nachgehen und ihren eigenen Satrapen wählen. In späteren Dialogen wie den Nomoi lobte Platon ,aus seiner Erfahrung in Ägypten heraus, die Gerechtigkeit der Perser, die unter Dareios nach Kyros ausgeführt wurde⁷.
In der Tat wollte Platon auch nach Persien reisen, um die „Magier“, also die zoroastrischen Priester, persönlich kennen zu lernen, „aber die Kriege in Asien hinderten ihn davon.“* (Diogenes Lartios III, 7) Auffällig hierbei ist, dass es das einzig direkte Vermerk eines Griechen ist, wo genau Platons Kontakt mit der persischen Kultur ersucht hat, aber gescheitert ist. Von den Biographen wurde über Kontaktpflege mit den Persern nichts weiter berichtet, jedoch fällt das hohe Interesse Platons über die Perser auf.
Auch während dieser Schaffensperiode Platons blieben Andeutungen persischen Einflusses aus. Man kann jedoch anzweifeln, dass die Informationen von Platons Großvater und der Ägyptenreise den einzigen Kontakt mit der orientalischen Hochkultur darstellen. Vermutlich lernte Platon über Eudoxos von Knidos die persische Mythologie besser kennen. Dieser wusste sehr viel über die Magi, da er politische Beziehungen mit dem Satrapen von Ägypten unterhielt⁸.
Ein kurzer Vermerk Diogenes Laertius deutet auf einen möglichen Einfluss der Perser auf Platons Denken hin. Nach dem achtzigsten Geburtstag Platons hat ein Perser namens Mithridates eine kostspielige Statue eines bekannten Bildhauers vor der Akademie errichten lassen. („In dem ersten Buch der Denkwürdigkeiten des Favorin findet sich die Bemerkung, dass der Perser Mithridates eine Statue des Platon für die Akademie stiftete. Die Inschrift lautet: Der Perser Mithridates, des Rhodobatos Sohn, weihte den Musen dies Bildnis Platons, welches Silanion gemacht hat.“⁹) Diese Statue muss so herrlich gewesen sein, dass sie spätere Bildhauer zu weiteren Platonskulpturen inspiriert haben soll.
Dieser Vermerk ist wohl nur erwähnt worden um den Wert dieser Statue zu zeigen, da die Perser als ausserordentlich reich galten. Sollte diese Statue aber nicht viel mehr darauf hindeuten, dass der begnadete Philosoph selbst bei den „tyrannischen Barbaren“, im fernen Osten eine gewisse Wertschätzung genoss? Es ist vor allem ein drängender Hinweis, dass Platon in einer gewissen Weise in Verbindung mit Persien stand. Seine Akademie galt immer als eine offene Schule, wo selbst Frauen die Teilnahme gestattet wurde. Eine sehr unathenische Sitte, da Frauen in dieser Weltstadt den Stand von Sklaven besaßen und nie Zugang zu großen Ereignissen, wie den Theaterfestspielen, hatten.
Notwendigerweise kommt ebenso die Frage, warum Mithridates diese letzte anerkennende Geste gegenüber Platon vollzog. Selbst für einen toleranten und offenen Perser jener Zeit war das eine sehr ungewöhnliche Geste, da laut Herodot die Perser und Griechen sich gegenseitig hassten¹⁰. Die Perser redeten nicht minder abfällig über die Griechen, wie die Griechen diese als verweichlichtes Weiberpack in ihren Schriften darlegten¹¹. Die diplomatischen Beziehungen mit den Großmächten Sparta/Athen und dem persischen Großreich kann man eher als „heißen Draht“ beurteilen. Nach den Perserkriegen galten die beiden Welten trotz Friedenserklärungen als dauerhaft verfeindet.
Vermuten kann man, dass Mithridates ein Schüler Platons war, der so fasziniert von seinem Lehrer war, dass er diese Statue errichten ließ. Trotz der Feindschaft zeigte persische Königshaus hohes Interesse an den griechischen Wissenschaften¹². Deswegen ist es gut möglich, dass die Empfänglichkeit des Persers für andere Kulturen zu jener Anerkennung geführt hat. Auch könnte man vermuten, dass dieser Perser ein enger Gesprächspartner des griechischen Philosophen war, und gleichzeitig als Wissensquelle zu der zoroastrischen Religion für Platon diente. Egal welche Theorien man daraus ziehen mag, die Geste der Hochachtung durch Mithridates, zeigt dass er Platon als seines gleichen ansah.
Vielleicht kann man sogar soweit gehen und vermuten, dass Platon im Geheimen Anhänger der Lehren Zarathustras war und diese philosophisch ausgearbeitet hat, um sie den Griechen zugänglich zu machen.
Zwei uns noch heute erhaltenen Vermerke stützen diese Ansicht. Seneca bemerkte verächtlich wie „Magier, die zufällig in Athen waren, dem Verstorbenen ein Opfer“ darbrachten, weil Platon „ein mehr als gewöhnliches Menschlos zuteil geworden“ sei, „da er die vollkommenste Zahl, nämlich neun mal neun, genau erreicht habe.“*(Seneca, Brief 58, Kap.31). Damit war Platons 81. Lebensjahr gemeint, aber ob es der einzige Grund war bleibt fraglich. Aber umso interessanter wird dieser Vermerk, wenn man die Biographie von Platons eher kritischem Schüler Phillipos von Opus hinzunimmt. Er hat berichtet, dass ein „Chaldäer„, ein Vertreter des gleichnamigen Stammes aus Südmesopotamien, am Abend vor Platons Tod den sterbenden Philosophen besucht und diesem ein Lied aus seiner Heimat gesungen hatte.*(Stefan Schorn: „Die griechische Biographie in hellenistischer Zeit“, S. 120) Dieser Chaldäer könnte die Gatha rezitiert haben, oder andere Passagen der Avesta, um Platons Seelenheil in der Garodemäna zu sichern. Platons Leben ist voller interessanter Ereignisse, und diese Passagen werfen ein neues Licht auf den Griechen Platon, zu dem noch kein Gelehrter wirklich Stellung bezog hat.


Inhaltsangabe und Interpretation – der Staat

Die Politeia ist ein philosophisch-politisches Werk, in der Sokrates mit Platons Brüdern Glaukon und Adeimantos zusammen versucht, anhand eines erdachten Staatsmodells, das alle positiven Eigenschaften eines Staates besitzt und sich dem Bürger verpflichtet fühlt, den Begriff Gerechtigkeit neu zu definieren. Mehr und mehr aber entpuppt sich dieses Konstrukt als der Entwurf einer repressiven Diktatur, wie die Kritiker Platons ihm vorwerfen. Zum Beispiel fordert Platon die Zensur der Dichtkunst , da die Dichter Unwahrheiten über Götter und geschichtlichen Ereignissen in ihren Werken verbreiten. Ein klarer Verstoß gegen das Recht auf Redefreiheit. Doch wer sich nicht mit griechischer Kultur intensiv auseinandergesetzt hat, wird nicht den Grund der Zensur verstehen. Beim Lesen der griechischen Epen und anderen Werken über die klassische Mythologie, fällt die Verherrlichung von Gräueltaten auf, die die Menschen von Jugend an zu Blutdurst und Geltungsdrang motivierten. Man nehme als Beispiel Sophokles „Aias“, wo der gleichnamige Held seinem noch kleinen Sohn die (irrtümlich) geschlachteten Viehherden und Hirten zeigt, damit dieser sich an die Brutalitäten des Lebens gewöhnt:
345-549: (Eurysakes wird gebracht)
Aias: So heb ihn, heb ihn so! Er wird nicht schaudern,
den Mord und das Gemetzel da betrachten,
wenn er in Wahrheit stammt aus meinem Blut.
Früh tummle nach des Vaters rauher Art
Mein sich und gleich ihm an sein Wesen. (Fischer Bücherei, S. 23)
Aber auch fast alle Passagen von Homers Odysseia und Illias dienen als Beleg der Gewaltverherrlichung. Odysseus erweist sich in beiden Werken als schlangenzüngiger Intrigant, der nach dem Prinzip der Überlegenheit und der Doppelmoral, sich durch das Leben hindurch schlendert. War er einem Volk körperlich und militärisch unterlegen, forderte er das Recht auf Gastfreundschaft. War er aber einem Volk überlegen, plünderte er sie mit seinen Gefährten aus und vergewaltigte die Frauen¹³. Als derselbe am Ende des Werkes das weibliche Personal seines Hauses, das mit den Freiern auf Grund der Gastfreundschaft schlafen musste hinrichtet, beweist er damit die verlogene Doppelmoral der archaischen Hellenen¹⁴.
Vor Platon und Sokrates gab es vorher keinen kritischen Diskurs zu den alten Traditionen und Wertevorstellungen der vor-homerischen Zeiten. Schon im ersten Buch der Politeia tritt ein Sophist namens Thrasymachos auf, der mit großer Leidenschaft auf das „Recht des Stärkeren“ plädiert. Diese militante Indoktrination der Bevölkerung auf Grund irreführender Schriften lehnte Platon ab. Er sieht nur eine Zukunft in einer harmonievollen Gemeinschaft, wenn keine gewaltverführende Schriften eine kulturelle Wert besitzen. Deswegen drängt er darauf die Lügen der alten Werke zu verbannen.
Ein weiteres Beispiel findet man in der Beschreibung zur Ausbildung der Fachkräfte des erdachten Staates. Dort werden die Menschen je nach Fähigkeiten aussortiert, um damit die Natur der Fähigkeiten zu perfektionieren. In linken Kreisen, die der Idee der Gleichmacherei nachhängen, gilt diese Idee Platons sogar als Verstoß gegen ihre wirre Ideologie, die keine Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen wahrhaben möchte. Doch funktioniert die Idee der Selektion auch im deutschen dreigliedrigen Schulsystem Hier werden auch schon die „guten Naturen“ von den „schlechten Naturen“ aussortiert und damit versucht den verschiedenen Begabungen der Schüler Rechnung zu tragen. Wichtig hierbei ist dass unter Schülern aus bildungsfernen Schichten Talente entdeckt und gefördert werden.
Anscheinend ist dieses Stadtstaatsmodell weniger als Utopie als eher eine harsche Kritik an die missratene athenische Demokratie zu sehen, wobei die Botschaft eindeutig ist: „Ändert eure Politik, oder ihr geht unter“. Die Geschichte bestägtigte diese Prophezeiung.
Der eigentliche Fokus der ersten Bücher liegt aber auf den drei Ständen des Staates: dem untersten Stand der Arbeiterstand (demiurgoi), dem mittleren Stand der Krieger- und Wächterstand (phylakoi), und dem letzten und höchsten, der Herrscherstand (archontoi). Mit diesen 3 Ständen legt Platon auch seine Vorstellung über die Seele (Psyche) dar:
Arbeiterstand nach dem Bereich der Triebe (epithymètikon)
Wächterstand nach dem emotionalen Muthaften (thymoeides)
Herrscherstand nach der Vernunft, auch das „Philosophische“ genannt (philosophon)
Den Arbeiterstand erklärt Platon nur kurz, weil dieser im Hinblick auf die Definition der Gerechtigkeit irrelevant ist. Der Arbeiterstand besitzt die größte Anzahl von Mitgliedern, sie sind verantwortlich für den wirtschaftlichen und interkulturellen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Jedes Mitglied ist voneinander abhängig. Der Handwerk ist sowohl abhängig von einem Bäcker, als auch dieser von einem Arzt sowie dieser abhängig von jenem Handwerker und so fort. Wichtig hierbei ist, dass die Seelen derer im Arbeiterstand weniger nach Gesichtspunkten der Vernunft geprägt sind als die beiden anderen höheren Stände. Deshalb neigen sie gemäß ihrer impulsiven Natur dazu, ihre veranlagten Fähigkeiten konstruktiv der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Von politischen Aktivitäten halten sie sich fern, da ihre (seelische) Vernunft nicht so ausgeprägt ist wie ihre Triebe.
Im Gegenzug zur kargen Erläuterung des Arbeiterstandes wird das Leben der Wächter detailliert beschrieben. Sie sind Bewacher der Ordnung und gleichzeitig Wächter gegen äußere Feinde. Die kollektive und gebündelte Agression wird nach außen gerichtet und dient der Verteidigung der schutzlosen Bevölkerung. Ihre Lebensweise ist sehr spartanisch: Besitz von materiellen Gütern ist ihnen gesetzlich untersagt, auch sollen die Wächter in einem Kollektiv leben. Diese radikalen Maßnahmen sollten den Wächtern helfen nicht in Korruption zu verfallen oder es zu einer Fehlschätzung der Aufgaben kommt. Da ihre Seelen im emotional Muthaften ausgeprägt sind, hängt es vom Individuum ab wie sich seine beiden anderen Seelenteile entwickeln,. Nach Platons Meinung können nur Gesetze die eher triebhafte Natur der Wächter zügeln.
Die Rolle der Wächter ist da weitaus wichtiger in der Politeia, denn unter ihnen befinden sich die wenigen potentiellen Kandidaten für den Herrscherstand. Für die Rolle als Herrscher kommen nur Philosophen in Frage, weil sie im Laufe ihrer Erziehung die Idee des Guten (idea tu agathu) erfasst haben und auch begierig sind nach der Wahrheit zu streben. Der Auslöser dieser Erkenntnis weist den Philosophen unter den Wächtern nach, dessen Seele im Philosophischen Sinne ausgeprägt ist. Er braucht die Gesetze nicht mehr. Denn er agiert wahrhaft und rechtschaffen aus purer Überzeugung, von seiner Natur aus, und ist der ideale Herrscher des Staates.
Auffällig bei der Seelenlehre Platons ist, dass sie pyramidenförmig strukturiert ist. Bei jedem Individuum ist die Seele anders ausgeprägt, manche eher philosophisch als triebhaft, manche aber eher emotional mutig als philosophisch. Deshalb ist die Seele des Philosophen gar andersherum strukturiert als die des Arbeiters. Diese Seelenpyramide versucht Platon als ein politisches Konzept zu verwirklichen, aber Platon will diese Idee nicht zum Nachteil eines beliebigen Individuums ausführen lassen. Die Begabungen die jeder Mensch in sich trägt ist zwar bei jedem von Geburt an verschieden ausgeprägt, aber deren Entwicklung und innere Bildung ist eine kulturelle Frage. Da spielt die Pädagogik und eine staatliche Erziehung eine große Rolle in der Politeia. Nur so kann man unter den Bürgern der Stadt sehen, ob das beliebige Individuum eher triebhaft geprägt ist und nach seiner Begabung zum Handwerklichen ausgebildet wird. Wenn der Mensch sich aber schon früh muthaft und sich wissensbegierig erweist, steigt er in den Wächterstand auf. Da die Seele des Philosophen sich erst spät in der Entwicklung des Menschen zeigt, dauert die Erziehung der Wächter bis in die späten Jahre. Platon schätzt der Philosoph zeigt sich frühestens im 30. Lebensjahr, und kann erst ab diesem Lebensabschnitt zu den Herrschern des Staates aufsteigen und setzt auch da seine Ausbildung der Wissensliebe (Philo-Sophia) fort. Im 6. und 7. Buch der Politeia benutzt Platon 3 Gleichnisse, um die Idee des Guten (Sonnengleichnis), die Ideenlehre an sich (Liniengleichnis) und der wichtigste Gleichnis von allen, über den Werdegang des Philosophen (Höhlengleichnis), zu erläutern.

Gemeinsamkeiten der Gatha und der Politeia
Wenn man ab dem 6. Buch der Politeia die Gatha von Zarathustra hinzunimmt, fallen schnell Gemeinsamkeiten zwischen beiden Schriften auf. Nicht im Schreibstil, bei den Namen oder lithurgischen Eigenschaften, sondern im Inhalt.
In beiden Schriften vertreten die Philosophen die Metaphysik über ein höheres Wesen, das durch und durch gut ist und als eine Lichtquelle beschrieben wird. Aus ihr entspringt alles Sein. Zarathustra nannte diese Urquelle Ahura Mazda und gab ihm viele Eigenschaften zu, die wie Sonnenstrahlen auf die (guten) Menschen einwirken sollten. Platon besitzt eine ähnliche Auffassung, aber benennt dieses höhere Sein nicht beim Namen, sondern er lässt es als abstrakte absolute Idee im Raum stehen. Mit dem Sonnengleichnis lässt er das Gute als Urquell allen Lebens verbildlichen, die auf den Menschen Einfluss hat. Wie die Sonne Wärme und Licht zum Sehen spendet, gibt das Gute den Menschen das Leben und die kognitiven Eigenschaften.
Wichtiger für Platon war es, dass der 3. Vertreter des Standes, der Philosoph, die Einsicht über diese Idee erlangt, um somit die Wahrheit erblicken zu können. Beide Philosophen stimmen im Punkt überein, dass der Mensch die Grundidee dieses höheren Seins in sich trägt und erst durch die Einsicht, die Wahrheit kognitiv erfassen kann.
Während Platon den Philosophen schon früher in der Politeia beschrieben hat, geht er ab dem 6. Buch genauer auf diesen für die Herrscherkaste im Staat in Erwägung kommenden ein:
„Darüber müssen wir uns jedenfalls einig sein: daß die philosophischen Naturen jederzeit leidenschaftlich nach einem Wissen verlangen, das ihnen Klarheit gibt über jenes Sein, das immer ist und keinem Wandel durch werden und Vergehen unterworfen wird.“ (Politeia 484 c )
“dass sie mit Bedacht niemals die Unwahrheit einlassen, sondern sie verabscheuen und die Wahrheit lieben.” (Politeia 485,a)
Wichtig ist auch, dass der Philosoph aus dem Grunde weder geldgierig noch gierig auf sonstige Güter ist. Anders als die Wächter, denen gesetzlich der Besitz der Güter verboten ist, wird der Philosoph in der Herscherkaste durch die Einsicht keine Beschränkungen mehr brauchen. Logik ist sein Triebfeder und nicht die Gier, so wird er kein Lug und Trug anwenden um an weltliche Reichtümer zu gelangen da seine Seele nicht einer “feigen und niedrige Natur” entspricht. Die Seele des Philosophen unterscheidet sich darin, dass sie “gerecht und milde” ist und nicht “unverträglich und roh” (Politeia 486 b)wie die eines Tyrannen oder Kriegstreibers. Die Folge des Strebens nach der Wahrheit wirkt somit positiv auf den Philosophen:
“Wenn also die Wahrheit vorangeht, dann können wir ihr wohl niemals einen Chor von Lastern folgen lassen(…)” (Politeia 490,b), und man erreiche damit die idealen Tugenden wie Tapferkeit oder Großzügigkeit.
Ähnliche Ansichten finden wir an vielen Stellen in der Gatha. Nach Zarathustra solle jeder Mensch nach der Wahrheit des Lebens, der Asha streben, um sich Ahura Mazda bewusst zu werden.

Mithilfe von ,,Wohuman“, den guten Gedanken, ist es dem Menschen möglich, die Klarheit über das Sein zu erlangen. Durch seine Einsicht und seine Eigendynamik wird er zu einem besseren Wesen. Die Lüge und sonstige Übel verabscheut der fortan rechtschaffene Mensch, denn sie sind schlecht und verderben den Menschen zu einem Anhänger der Daeva.
Beide Argumentationen lassen die Frage aufkommen warum man durch die Einsicht in das Gute, ethisch besser erscheint als die “Unwissenden”? Platon sowie Zarathustra beantworten diese Frage sehr einfach.
Die Geordnetheit der Ideenwelt und Nähe zum Göttlichen wirke auf den Philosophen/Weisen so zurück, dass er selbst ,,wohlgeordnet und göttlich ,soweit das einem Menschen möglich ist“ (Politeia 612,e) lebt. Wenn man also eine Handlung als tugendhaft, eine Gesinnung als fromm, ein Charakter als gut beurteilt, so sind wir zu dieser Feststellung nur fähig, weil die Idee des an sich Tugendhaften, Frommen, und Guten unserem Denken zugrunde liegt. Die Erkenntnis hilft dem Menschen sich diesen Ideen bewusst zu werden und auch nach diesen zu handeln.
Nach der zoroastrischen Weltanschauung sind ethisch gute Taten der Weg Ashas, der universellen Weltordnung. Nur unter ihr kann der Mensch selbst eine innere Harmonie (Armaity) erlangen, und somit wie im Sinne Platon nach einem göttlichen Prinzip handeln.
„Von diesen beiden Lebensanschauungen (Ahura Mazda und den Angra Mainyu) (…) entscheiden die Rechtschaffenen sich im ewigen Lichte des fortschreitenden Wissens für die Gerechtigkeit. So werden sie standhaft auf dem Wege von Asha und der guten Taten bleiben und Ahura Mazda erfreuen.“ (Gatha 3,5) Die „gute Tat“ sagt schon aus, dass der Mensch sich erst durch seine Handlung in der Realität erst als gut erweisen kann. Tat kommt aus dem Wort „tun“, und sagt aus, dass der Mensch in der Welt Einfluss hat und sich auch dessen Bewusst ist. Obwohl das Gute in dem Menschen schon haust, entscheidet der Mensch selbst, ob er sich für das Gemeinwohl und für die Umwelt einsetzt oder nicht.
Der Mensch hat unter beiden Schemata eine Mitbestimmung, wie er sein Schicksal gestaltet. Zarathustras Lehre wird schon dadurch stark, dass die Menschen den „schlechten und guten Weg“, „persönlich, ob Mann oder Frau, jeder von ihnen für sich selbst“ wählen kann (Gatha 1,2). Aus dieser Konsequenz betreibt der Mensch Eigenverschuldung, wenn er in Verderbnis gerät. Alle seine Entscheidungen haben Konsequenzen. Aber Ahura Mazda hat keinen Einfluss auf den freien Willen, deshalb ist er schuldlos. Und hier ist wieder ein Punkt, wo Zarathustra und Platon miteinander übereinstimmen. Im 10. Buch der Politeia, sagte Platon: „Schuld hat, der gewählt hat! Gott ist schuldlos.“ (Politeia 617,c)
Dieser Vermerk Platons widersprach der ganzen griechischen Mythologie, sowohl in der Determinierung des Schicksals, wie auch in der Schuld der Götter. Auch spielt die Wissenschaft bei beiden Lehren eine herausragende Rolle.
Nach Zarathustra lehrt Mazda den Menschen: “die Rechtschaffenen fortschreitende Weisheit für Fortschritt und Erneuerung der Welt.” (Gatha 1,7)
Anhand der Geschichte Persiens sieht man wie sehr Zarathustra die iranische Kultur prägte und eine liberalen Technifizierung möglich machte.
Das persische Reich von Dareios bis zum letzten Sassanidischen König galt als ein Hort der Wissenschaften, die im Gegensatz zur Außenpolitik gegenüber den Griechen, einen besonders hohen Wert auf die Wissenschaft der Hellenen legte. Auch unter der Fremdherrschaft erreichte Ägypten und Babylon eine eigene Blüte in der Mathematik-, Astronomie- und Physikforschung. Die Perser waren weit vorangeschritten in der Medizin und der Biologie, was man anhand der Avesta im Vendidad sehen kann, wo alles medizinische Wissen aufbewahrt wurde. Avicenna selbst, ein aufgeklärter Arzt aus dem frühen Mittelalter und Bewahrer der griechischen Schriften, hat Rückgriff auf die altpersische Medizin genommen, als er den „Kanon der Medizin“ schrieb, der bis zum 17. Jhr n.Chr. als die Bibel der Medizin in den (westlichen) Universitäten galt.
Platon zeigt anhand seines Liniengleichnisses, wie wichtig die Wissenschaft für die Wahrheitssuche ist, damit der Philosoph von der Erfassung der Welt zu der Erschaffung von Ideen verholfen wird. Die Idee „verfolgt ihren geregelten Gang (ihre >Methode<) mit Hilfe der Ideen (Urgestalten) selbst und sie hindurch“ (Politeia 510, a). Aus dem Höhlengleichnis deutet er darüberhinaus, dass Erziehung des Wissens, das Wenden des Menschen zum Guten durch die Erweckung der im Menschen veranlagten Denkkraft ist. Platon lehnt aber strickt empirische Erfahrungen im metaphysischen Bereich ab, da sie zu der fatalen Folge der Bildung einer oberflächlichen Meinung führen, wie er es in den vielen Dialogen mit Sokrates festgestellt hat. Für Platon gilt als wahre Wissenschaft nur die Mathematik, da sie frei von der Sinneswelt ist und nur auf kognitiv-rationale Ebene begriffen wird, und zum Werdegang der Erkenntnis hilft. Aber die Dialektik, das Verhältnis zwischen Abbild und Urbild, und seinen Versuch der bildlichen Darstellung, ist nach der platonischen Philosophie die einzige Wissenschaft, die zur Noesis, der Erkenntnis der Ideenwelt, führt (Politeia 532-533, a).
Auffällig bei beiden Philosophen ist die Darstellung derjenigen, die die Menschen „verderben“. Bei Zarathustra wird mehrmals von den Truggenossen erzählt, die mit Lügen und Betrügereien als Anhänger der Daevas, der schlechten Geistern, Unwissende werben, vor allem die aus der gebildeten (Priester) Elite der Gesellschaft. Gier, Egomanie,Hass und Machtgelüste sind die meisten Gründe, die die Menschen zur eigenverschuldeten Verdorbenheit führen.
Bei der Politeia steht, dass es eine Eigenheit des Menschen ist, dass seine Naturanlagen (Handwerkliche Geschicklichkeit, Redegewandtheit, hohe Intelligenz) schnell ausarten oder nie sich entfalten können. Folglich sind die Menschen sowohl bei Platon als auch bei Zarathustra keine mechanische Wesen, die optimal gut sind. Den Menschen steht die Freiheit sich entweder zum positiven Mitglied der Gemeinschaft zu entwickeln oder zum Unsozialen hin zu streben. Verderbung der Naturen verstärkt sich zum Teil von äußeren Gütern (Geld), besonders aber trägt der Einfluss der politischen Masse mit ihrer wandelnden Ansicht zur Entartung bei (Politeia 490, b). Demagogen, die sich unter dieser Masse befinden, wie die Sophisten, oder ähnliche gebildete nichtphilosophischen Eliten, missbrauchen den aktuellen „Trend“ der Masse mit überzeugender Rhetorik und politischer Propaganda, um an die Macht zu kommen.
Sie korrumpieren die Jugend nach ihrer Meinung, da in ihnen die kritisch-philosophische Sicht noch nicht richtig ausgeprägt und eher im emotionalen-revolutionären Stadium verharrt, und sie und daher sehr manipulierbar sind (Politeia 491-493, c). Die kommunistische, nationalsozialistische sowie islamische Geschichte beweisen, dass die grausamsten Diktatoren die revolutionären Züge der Jugend für ihre politischen Zwecke missbrauchten und dadurch Kulturen und Ethnien auslöschten. Mao allein stachelte mit realitätsferner Propaganda die chinesische Jugend zu brutalen Verfolgungen und Meuchelungen der Künstler und Eliten in der Kulturrevolution an. Falschwissen und daraus resultierende Lügen sind auch bei Platon die Folge der Verderbnis des Menschen.
Kurz gefasst vertreten beide diese ethische Einsicht:
„Alles was zugrunde richtet und zerstört, ist das Schlechte, was aber verhält und fördert, ist das Gute.“ (Politeia 608,c), sowie „Schuld hat, der gewählt hat“.
Mit der Legende des ER schließt Platon seine Politeia ab. Sie ist ein fiktives Mythos über einen Pamphyler namens ER, der im Kampf gefallen ist, aber zwölf Tage später wieder auflebt . ER erzählt daraufhin über seine Erlebnisse im Jenseits. ERs Seele fährt aus dem Körper und gelangt an einen idyllischen Ort. Dort gibt es 4 Tore, je zwei Spalten im Himmel und in der Erde. In der Mitte sitzen Richter, die über die ankommenden Seelen urteilen. Die Seelen, die ihr Leben tugendhaft verbracht haben, dürfen die Spalte betreten, die in den Himmel führt. Die Ungerechten betreten die Spalte, die in die Erde hinunter führt.
Mehrere hundert Jahre (die Zeiten des Aufenthalts einer Seele hängen von den Taten dieser seelentragenden Menschen ab) wandern die Seelen durch das ihnen zugewiesene Gebiet. Dann kehren sie durch die beiden anderen Spalten zurück. Sie treffen sich und erzählen von ihren Erlebnissen. Weniger die Belohnung, aber mehr die Strafen werden detailliert beschrieben, die für jedes begangene Unrecht verhängt wird. Aus der Gruppe der Ungerechten werden die Tyrannen besonders hervorgehoben und die grausamen Strafen, die sie unter der Erde erleiden müssen. Man erfährt nichts von dem Aufenthalt im Oben, außer dass es ein Paradies sei.
Die Seelen gelangen nun an einen Ort, an dem es die Spindel der Notwendigkeit zu bestaunen gibt. Über ihr ragt ein Regenbogen auf, die alle Farben aufzeigt.
Diese Spindel besteht aus acht Wirbeln, die auf komplizierte Weise ineinander stecken. Auf den Rändern der Wirbel sitzt je eine Sirene, die die ganze Zeit einen Ton von sich gibt. Jede Sirene singt einen anderen Ton und alle Töne zusammen geben einen harmonischen Klang wieder. Anwesend sind auch die Schicksalsgöttinnen Lachesis, Klotho und Atropos, die am Rad der Zeit spinnen. Ein Prophet der Lachesis, die auch die Tochter der Notwendigkeit ist, tritt den Seelen hervor und reicht ihnen Lose aus dem Schoß der Lachesis. Die Lose sind als eine Art „Ticket“ zum neuen Leben zu verstehen, die auch die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Lebenden bestimmen.
Die Seelen müssen ihr neues Leben betreten, aber die Gestaltung der Art ihres Lebens steht ihnen frei zu. Zuerst entscheiden sie, wer als erster zieht, dann sucht sich jeder jeweils sein neues Leben aus. Dabei können sie aus einer Fülle aller erdenklichen Lebensformen, von Tieren bis zum Menschen, wählen. Aber auch die Seelen müssen mit Mühe anstreben, dass ihr Los in Erfüllung geht. Es wird auch beschrieben wie Seelen wählen, die in ihrem früheren Leben einmal berühmt gewesen sind, wie die homerischen Helden. Zuletzt gelangen die Seelen zum Feld des Vergessens und zum Flusse Amesis (Sorglos), von dessen Wasser sie trinken. Sie gelangen von dort in ihre Realität des neuen Lebens. ER kommt nicht dazu aus dem Fluss zu trinken, und wird wiederbelebt um sein altes Leben fortzusetzen.
Wieder einmal sieht man Parallelen zu der zoroastrischen Religion, mittels des Mythos der Cinvat-Brücke. Der Cinvat spannt sich vom Berg Hara-Berezaiti (Chakat-i-Daitik), der in der Mitte der Welt liegt, bis hin zum Gipfel des am Rande des Himmels gelegenen Berges Elburz. Sie ist die Brücke zwischen dem Dies- und Jenseits der Existenz, die nur Seelen Verstorbener betreten können. Nach Auffassung der Avesta ist besteht der Mensch und alles andere Leben aus Geist (Spirit) und Materie. Nach dem Tod trennt sich der Geist von der erdlichen Hülle und schreitet voran über die Brücke des Tsinowats. Je nach seinen Taten wird der Tote entweder eine angenehme oder eine qualvolle Reise haben. Am Ende des Weges steht ein Totengericht von drei Totenrichtern, wo an höchster Spitze der Lichtgott Mithras steht, und die Richter wägen die Entscheidung über das endgültige Ziel des jeweiligen Geistes ab. War er ein guter Mensch, gelangt er in das ewige Paradies oder auch als Garotman benannt, der „Ort der Lobgesänge“. Die Geister der Bösen aber gelangen an den „schlechtesten Ort“, in die dunkle Unterwelt, wo die schlechten Seelen ihr Dasein fristen und unvorstellbaren Qualen ausgesetzt sind. Auch gibt es für „neutrale“ Geister, die sowohl gleich viel Gutes als auch Schlechtes begangen haben, einen Ort. Den Ort kann man sich als eine Art Limbus vorstellen, wo die Geister in einem leidlosen aber auch glücklosen Zustand sind. Sie werden also vom Paradies ausgeschlossen, aber müssen dafür nicht leiden.
Platon schien wohl auf dem Cinvat-Mythos tatsächlich Bezug genommen zu haben. Weiterhin bringt er auch von der Definition Ahura Mazdas als „Quelle des Urklanges“ (‚Staot Yasna’), der in Form der Sirenen erscheint, und „Quelle des unendlichen Lichts“ (‚Reavat-Khvarnvat’) in Form des Regenbogens bildlich über. Beide schaffen das Zeitraum-Kontinuum. Nur der Unterschied ist, dass die Menschen nicht eine Cinvat ähnliche Brücke betreten, sondern die Wege der Scheidung erst nach dem Urteil der Totenrichter betreten. Die Schlechten landen in den Tartaros, wo sie für ihre Taten wie Morde oder Versklavung, das zehnfache, wenn gar hundertfache erleiden müssen, bis sie von ihren Sünden freigewaschen sind. In der Legende des ER tritt auch kein Jüngstes Gericht auf. Anders im Cinvat-Mythos wo alle Seelen von dem heiligen Lava der Berge gereinigt werden und im neuen Leben auferstehen werden.
Unterschiede
Platon und Zarathustra stehen keineswegs auf gleicher Schiene mit ihrem Glauben an einer Idee des Guten. Klar ist, dass Platon nicht die Ansicht vertritt, dass neben dem Guten auch ein “Schlechtes” existieren kann, denn das Böse kann keine vollkommene Idee aus der platonischen Logik heraus sein. Wenn es eine „Idee des Bösen“ gäbe, wäre die Welt schon längst vernichtet, denn das Böse bedeutet das Hinstreben zum Chaos und dem Nichts. In der der 2 Strophe der 10. Hymne gibt Zarathustra hingegen klar wieder, dass es neben Ahura Mazda ein “Zwilling” existiert, der das ganze Gegenteil des schöpferischen Geistes ist. Aus dieser Konsequenz ist auch das Böse eine eigentliche Idee, die die Existenz der “Daevas” und deren Anhänger einen legitimen Platz im Leben gibt. Ohne das Gegenteil des Guten, gäbe es das Gute nicht, denn das Gute existiert nur durch das Vorhandensein seines Gegenparts.
Auch muss man berücksichtigen, dass die metaphysische Weltvorstellung Platons klar komplexer gestrickt ist als die des persischen Lehrmeisters. Während Zarathustra die Herkunft allen Seins in Ahura Mazda festlegt, geht Platon spezifischer vom Ursprung des Seins anhand der Ideenlehre vor. Jedes Objekt, sei es ein Pferd, ein Baum, oder sogar ein Stein, entstammt einer Idee, die sozusagen ein Urbild des jeweiligen Dinges ist. All diese Ideen entstammen von der höchsten Idee ab, der Idee des Guten.
Ein eher feiner Unterschied liegt in der jeweiligen Seelenlehre. Im Zoroastrismus ist die Seele eine Art Geist (Mainyu) , eine spirituelle Manifestation des Lebewesen, was für Menschen, wie für Tiere und Pflanzen gilt. Selbst Ahura Mazda und sein Widersacher werden als Geister in den 3 Hymnen der Gatha erwähnt, die die spirituelle Verbindung mit allen Lebewesen darstellen sollen. Jedes Lebewesen ist gut geboren, aber durch Eigenverschuldung kann er seinen Geist korrumpieren und wird nicht mehr Teil von Ahura Mazda, sondern der Geist seines Gegenspielers. Bei Platon hingegen besteht die Seele aus 3 Seelenteilen (Begierde, Mut, Verstand). Der Mensch wird durch seine kognitiven Eigenschaften von allen anderen Lebewesen hervorgehoben, weil er sich darüber im Klaren sein kann, dass er selbst nur ein Abbild einer Idee des Menschen ist. Auch hier ist die Seele unsterblich, aber anders als bei Zarathustra kann die Seele nie böse werden, denn die Idee der Seele ist nicht fehlbar oder endlich wie das Gegenteil des Guten. Deshalb kommt ein Jüngstes Gericht Szenario nicht in der Politeia vor. Bei Platon haben die Seelen auch die Chance auf ein neues Leben und können ihr neues Leben frei entscheiden (mit all ihren Folgen). Eine Form der Wiedergeburt findet man auch in der indischen Vorstellung des Karmas wieder, aber nicht in der zoroastrischen Vorstellung des Jenseits.
Ein wenn gar christlicher Gedanke der Vergebung findet sich auch in diesem Weltbild wieder, da selbst die schlechtesten Menschen eine Chance auf ein gutes Leben haben, wenn sie sich ihrer Freiheit ihr Leben nach ihrer Vorstellung zu gestalten bewusst sind. Eine solche Weiterführung der Wiedergeburt mit der Entscheidungsfreiheit könnte man als Reform der avestischen Lehre betrachten.
Der eher deutlichste Unterschied aber ist der politische Kontext der beiden Schriften. Bei Zarathustra und den späteren zoroastrischen Priestern waren die Gatha und Avesta an jeden Menschen gerichtet, sei er ein Bauer oder ein König. Die Nachricht ist, dass man sich durch seinen eigenen Willen und Wirken in der Natur, in ein rechtschaffenes Lebewesen entwickeln kann und somit der Gemeinschaft der Wahrhaften beitritt, einen produktiven Fortschritt für die Welt erreicht und somit für jeden eine positive Umwelt aufbaut.
Platon hingegen meint aus seinen Erlebnissen in Athen und Sizilien, dass so eine ideale Welt nicht realisierbar ist, und Platon war ein knallharter Realist. Wie er auch im Kriton Dialog festgestellt hat, ist die Menschenmasse in einer Gesellschaft nur oberflächlich von einer (politisch-philosophischen) Ansicht eingenommen, und ihre Meinung ist wankelmütig und somit unzurechnungsfähig. Das Höhlengleichnis zeigt wie die gefesselten Menschen nur die Abbilder der materiellen Welt, von dem Feuer der Ideen (von Gott abstammend) geworfen, wahrnehmen können und auch wahrnehmen wollen. Sie wetteifern sogar darum die Schatten als Besten zu bezeichnen und Folgerungen zu ziehen. Der Philosoph befreit sich von den Fesseln (oder mag sogar zwanghaft befreit werden), um sich zum Ausgang der Höhle zu begeben. Er erblickt die Sonne und erfasst die wahre Welt. Wenn er mit dieser Erkenntnis in die Höhle zurück käme und die Gefesselten über die Welt erzählt, wird er nur von ihnen verlacht. Wenn er aber die Gefesselten zu befreien versucht, werden sie ihn töten.
Das Ende dieses Gleichnisses erinnert an den Tod Sokrates, der wegen seiner Wahrheitssuche vor dem Gericht stand und zum Tode verurteilt wurde. Diese Form der Demokratie, wo sie durch die wankelmütigen Meinungen und die Demagogie von Opportunisten ausgehöhlt wird, deren Ideal aber das Mitbestimmungsrecht aller ist, desillusionierte Platon und er folgerte in seiner Politeia, dass nur die Philosophen, die jenseits der Masse denken und die Idee des Guten wahrhaben können, in der Lage sind den Staat gerecht zu führen.
Fazit
Nach einem Bericht von Arisoxenos, ein Schüler Aristoteles, hielt Platon eine einmalige Vorlesung über das Gute, in der er indes nichts von dem Üblichen behandelte, was in der Zeit als gut galt, sondern in der er alle Ursprünge der guten Eigenschaften auf ein einziges “Gutes” konzentrierte. Wie nach der Legende Zarathustra, der ehemalige Zaotar, der bei seinen Jahre langen Predigten kaum Gehör erhielt, geriet auch Platons Versuch die Schüler über die Idee des Guten zu lehren, zum Misserfolg: Die Schüler bekundeten offen ihr Desinteresse oder äußerten gar ihre Verachtung¹⁵.
Nach Platons Tod geriet die Politeia bei den hellenistischen Wissenschaftler in heftige Kritik. Nicht allein wegen der Vorlegung einer Diktatur. Die Kritik bezog sich insbesondere auf die Ideenlehre des Philosophen. Unter den heftigsten Kritikern galt Aristoteles, der in seinen Schriften klar darlegte, dass eine Vorstellung eines einzelnen übergestellten Seins vollkommener Schwachsinn und nur eine Religion sei¹⁶.
Auch später in der römischen Periode kam es zu interessanten Kritiken. Der Schriftsteller Pausanias hatte sogar Platon vorgeworfen, dass er unter dem Einfluss der Magi stand, als er die Politeia schrieb¹⁷. Bewusst wurde Platons Auslegung des Guten daher als unhellenistisch und vielleicht sogar als barbarisch eingestuft. Im Kontrast dazu entstanden während der Spätantike, mehrere geistige Strömungen die sich auf die metaphysischen Ansichten Platons beriefen. Ihr größter Vertreter war der Neoplatonismus. Auch legten die (Alt-)Humanisten fest, dass mit der Ideenlehre Platons der Grundstein für unsere heutige Existenzphilosophie gelegt wurde und beharrten sogar darauf, dass deren Ursprung griechischer Natur sei (mit Ausnahme des Forschers Kingsley¹⁸).
Es ist auch zu bemerken, dass von Platon zum ersten Mal eine einheitlich vorgelegte Ethik in der europäischen Antike ausging, die im Kontrast zu der eher archaisch homerischen Sicht stand, und Leute zu Aufklärung und konstruktiven Agieren innerhalb der Gesellschaft motivierten wollte. Vielleicht wollte Platon tatsächlich mittels des Einzugs der zarathustrischen Lehre erreichen, dass die Athener sich von ihrer nationalen Egomanie, Kriegslust und Machtgier lösen, und wie die Perser sich nach einer gerechteren Politik richten. Aber die Ablehnung der Schüler und eventuell auch die Vorsicht, nicht ein ähnliches Ende wie Sokrates zu erfahren, haben den Philosophen schnell desillusioniert.
Diese widersprüchliche Interpretation, Platon als Fundament unserer abendländischen Werte zu benennen, stößt manche schnell vor den Kopf. Zwingend muss man aber kritisch die Frage stellen: Wo liegen denn unsere eigentlichen Ursprünge tatsächlich? Stammen all unsere Philosophie, all unsere Wissenschaften allein von den Griechen, oder geht ihr Ursprung viel weiter zurück? Stammen sie etwa vom mystifizierten Orient (vor Christus und sogar vor Abraham?), wo liberalere Gesetze und weiterentwickelte Wissenschaften herrschten als im isolierten chauvinistischem Hellas?
Fakt ist, dass es fatal wäre den Ursprung nur auf einen Punkt zu fokussieren, deswegen sollte man nie eine solche versimplizierte Auffassung teilen, egal wie überzeugend sie wirkt oder mag sie noch so viele Anhänger haben. Auf jeden Fall spürt man aber, dass nicht alles einen plötzlichen Ursprung hat, sondern eine der Tradition folgende Weiterentwicklung von vorherigen Ansichten ist. Der Hellenismus hat so offenbar auf die persischen Kulturen Einfluss genommen so wie der Perser auf das Griechentum, wie ich in dem äußerst besonderen Fall Platon gezeigt habe. Nicht im plötzlichen Auftauchen einer Idee, sondern der Diskurs beider Weltanschauungen, die Dialektik des Griechen-und Persertum, führten uns zu dieser hohen Kultur des Humanismus.



Quellen

Die Zitate von Platon stammen aus „Platon- Der Staat, Artemis& Winkler Verlag“
Die Zitate von Zarathustra stammen aus „Gatha-Die Lehre von Zarathustra, übersetzte von Dr. Varza“
1.siehe Dr. Varza: „Gatha- die Lehre Zarathustra“ sowie http://www.sahajawissen.org/page24/page18/page18.html
2. Aufbau Verlag: „Aristophanes 1“ , S. 6-7
3. Platon: Charmides, 158a.)
4. Plutarch: Perikles, Kap. 13.
5.Platon, der Staat, Einführung, S. 454
6.Alkibiades I,121, a-123, e
7.Nomoi, 694,a – 695,e
8.Thomas McEvilley: The shape of ancient thought, S.171
9.Diogenes Laertios III, 25-27
10.Herodot I,1
11. Tom Holland: Persisches Feuer, S. 182-185
12. G. Sarton, A History of Science: Ancient Science through the Golden Age of Greece, S 240
13. Homer: Odysee, neunter Gesang, 39-50
14.Homer: Odyssee, zweiundzwanzigster Gesang, 451-460
15. Platon, der Staat, Einführung, S.457-459
16.Aristoteles: Metaphysik I, VI, XII
17.Pausanias:Beschreibung Griechenlands, Buch 4: 32,4
18.Kingsley, “Meetings with Magi: Iranian Themes among the Greeks, from Xanthus of Lydia to Plato’s Academy,” Journal of the Royal Asiatic Society 5 (Ser. 3)